20.12.2003
6:00 Uhr Aufstehen, packen, Frühstück bei Yoli. Die Sachen für Cheni werden in 2 Taxis gepackt. Abfahrt 8:30 Uhr. In Puerto Ocopa kurzer Besuch bei Pater Castillo, dem letzten Saurier der Mission, wie Tomás sagt. Tomás zeigt mir die Bretterhütte, in der er zu Beginn seiner Missionstätigkeit gewohnt hat. Am Ufer wartet schon Marcellino mit dem Boot der comunidad. Es fahren einige ältere Schüler mit, die das Jahr über im Internat in Satipo sind. Hier beginnen jetzt die großen Ferien. Schnelle Fahrt nach Cheni. Ankunft 14:30. Fast das ganze Dorf erwartet uns am Strand, freut sich auf Tomás und die Familien nehmen ihre Kinder freudig in Empfang. Matias, der einzige Ashaninka der den Traktor fahren kann, hat noch einen Hänger mitgebracht, um das viele Gepäck den Sandweg hinauf ins Dorf zu bringen.

21.12.2003
Trotz medizinischer Behandlung im Nachbardorf Poyeni ist heute ein achtjähriges Mädchen an einem Schlangenbiß gestorben. Es ist eine Tochter von Sergio. Ich bin überrascht, wie die Leute dies ohne Verzweiflung annehmen. Sie sagen: „Das ist das Leben und das Sterben hier“. Tomás sagt, daß zu wenig Medikamente vorhanden sind. Ein Erwachsener braucht zwei Spritzen, ein Kind vier. Außerdem sind die Medikamente gegen Schlangenbisse über vier Monate überlagert. Im Laufe des Tages besuchen alle das Haus von Sergio. Am Nachmittag spielen die Brüder des Mädchens schon wieder Fußball.

22.12.2003

Am 20.12.2001 kamen die vor den Terroristen geflüchteten Ashaninka aus Tango Cheri hier an, am 22.12.2001 die von Cutivireni. Diese beiden Ereignisse, welche den Neuanfang in Cheni bedeuten, werden seither jedes Jahr am 25.12. gefeiert. Am Weihnachtsnachmittag soll für alle ein Filmnachmittag sein, wurde gerade beschlossen. Ich bin gespannt, wie die vielen Leute sich um den Fernseher scharen werden. Zwischen dem Missionshaus und den Fundamenten für die zukünftige Kirche ist ein etwa halber Hektar großer Platz, der jetzt gereinigt wird, um kurzfristig als Weide für die Kühe zu dienen. Sergios Tochter wird mit dem Traktor in einer einfach gezimmerten Kiste nach außerhalb des Dorfes zur Beerdigung gebracht. Ich bitte darum mitfahren zu dürfen und die Leute respektieren verwundert meine Anteilnahme. Die Beerdigung selbst ist reine Handwerksarbeit ohne jede Feier, nur eine kurze Stille am Grab.

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Ich helfe einigen großen und kleinen Jungs beim Aufbau einer einfachen Weihnachtskrippe. Tomás bastelt aus Balsaholz, welches er in Satipo gekauft hat, Modelle von den geplanten neuen Häusern der Dorfgemeinschaft. Roberto, einer von den Ältesten, kommt dazu, ist begeistert und lacht sich dabei bald krank. Bei so etwas sind die Männer wie kleine Kinder. Hier noch mehr als bei uns. Tomás erklärt mir nebenbei, warum zur Zeit so viele Schlangen im Dorf sind. Durch den vielen Regen ist sowohl das Wasser des Rio Tambo als auch das des Rio Cheni, der aus den Bergen kommt, angestiegen. Die Schlangen müssen von den Ufern ausweichen und kommen so zuerst in das Dorf. Später finden sie andere Verstecke. Aber diese Übergangszeit ist jedes Jahr erst einmal zu überstehen. Wer eine Schlange sieht tötet sie sofort. Tut er es nicht, ist der hinter ihm gehende sofort in großer Gefahr. Diese Regel lernen schon die kleinen Kinder auf dem alltäglichen Weg in die Schule.

23.12.2003
Gestern haben die Männer wieder eine riesige männliche Schildkröte aus dem Wald mitgebracht. Mariano will sie später in Lima zu Geld machen.
Ich sitze mit Tom
ás unter der Veranda und wir versuchen den Regen zu verstehen, ihn zu fühlen, ihn zu lieben. „Rain for the poor, rain for the rich.“ sagt Tomás und ich antworte ihm, daß ich deswegen nicht sauer auf den Regen bin. Das freut ihn, denn er macht sich Gedanken, daß ich trübsinnig werden könnte bei dem vielen Naß. Ich beruhige ihn und sage ihm, daß ich ja schließlich nicht im Urlaub bin. Damit ist er zufrieden.
Er kommt wieder auf seine Arbeit zu sprechen und meint:
Wir können nur versuchen zu verstehen. Und wenn wir meinen, etwas verändern zu müssen, dann geht das hier nur auf einem sehr langen Weg. Ein Beispiel; ein Mann will an einem anderen Mann Rache üben. Ich sage zu ihm, daß ich das nicht gut finde. Aber wenn er es schon unbedingt tun muß, dann soll er ihn töten und ihm nicht eine Hand, die Nase oder einen Fuß abschneiden. Ich sehe es zum Beispiel als großen Erfolg an, wenn sie Pedro, welcher José gestern jämmerlich verprügelt hat, nicht töten, sondern ihn zur Strafe allein mit der Machete einen Hektar Gras hauen lassen. Bei sengender Hitze. Wenn die ansonsten sehr friedlichen Leute hier wütend werden dann erkennst du sie nicht wieder. Auch die Frauen. Ich habe erlebt, wie eine Frau einem gefangenen Terroristen einen Pfeil in den Bauch stieß, weil der alle ihre Hühner getötet hatte. Wenn wir die Leute hier verstehen wollen, dann müssen wir zuerst das Leben im Dschungel studieren. Ein anderes Vorbild haben sie nicht. Wir dürfen also nicht verurteilen sondern können nur wie Jesus zu der Sünderin sagen: Geh und tu in Zukunft Gutes!“

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